Brezn kaufen für Anfänger

Reisen bildet ja ungemein. Und schult die Fremdsprachenkenntnisse. Vor einigen Jahren (als ich in meinem jugendlichen Leichtsinn Deutschland noch für ein Land, statt für einen lockeren Zusammenschluss unzähliger Kulturregionen, hielt) hatte ich ein ganz spezielles Spracherlebnis, als ich in München jenseits der Touristenströme einmal zwei Brezeln kaufen wollte. An einem Brezelstand:

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(grey.beard.44, flickr.com)

„Hallo. Ich hätte gern zwei Brezeln, bitte.“ Die Verkäuferin sah mich fragend an und gab vor, meinen Wunsch nicht verstehen zu können. Vielleicht war ich ja zu leise. Also wiederholte ich mein Anliegen etwas lauter und deutlicher: „ZWEI BREZELN, BITTE“. Die Verkäuferin zog die Augenbrauen hoch, schüttelte leicht den Kopf und zuckte die Schultern. Vielleicht war die Dame schwerhörig? Daher benutze ich beim erneuten Bestellversuch meine Hände und deutete auf das Gewünschte: „Zwei. Davon.“ Die Mine der Dame hellte sich dramatisch auf. „Aaah, zwoa Brezn mogst“, sagte sie, als wäre es doch sehr ungewöhnlich an einem Brezelstand Brezeln kaufen zu wollen. Spätestens jetzt kam ich mir dezent verschaukelt vor. Während die Verkäuferin die Brezeln in die Tüte steckte, murmelte ich meinem Begleiter zu: „Hochdeutsch für Anfänger. Lektion eins: Brezel.“ Da drehte sich der Anzugträger neben mir um und sagte: „Wannst gscheid Boarisch redn tatst, kann ma di a vasteh!“ Diese Hochdeutsch-Lektion hatte er also schon gelernt. Und ich meine Lektion auch.

Inzwischen ist viel Wasser die Isar runtergeflossen und Brezeln kaufen hat seitdem auch in Bayern immer prima geklappt. Man muss halt nur die richtige Sprache sprechen.

0 Kommentare

  1. Doro

    Seit ich in Berlin lebe, kann ich dazu nur sagen: es gibt nicht nur einen sprachlichen Unterschied von Brezel zu Brezn, sondern leider auch einen geschmacklichen. Übrigens hatte meine Cousine hier (Berlin) beim Bäcker ein sehr ähnliches Erlebnis, als sie es wagte statt „Schrippen“ „Wecken“ zu bestellen und dann auf einmal selbst „Brötchen“ nicht mehr als allgemein verständlicher Begriff akzeptiert wurde. BäckerInnen als Hüter eines höheren Kulturguts. Oder so ähnlich 😉 http://www.faz.net/aktuell/lebensstil/essen-trinken/eu-kommission-bayerische-brezen-unter-schutz-gestellt-12814302.html

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    1. sinahar

      Bäckereien (oder der Brezelstand) scheinen deutschlandweit die perfekten Orte, um „Ausländer“ sprachlich auf Kurs zu bringen. So ein bisschen kann ich den Regionalstolz verstehen: ich glaube, dass weniges uns Deutsche so sehr prägt wie der Brotgeschmack der Kindheit. Geht mir zumindest so: egal, wo ich bin, nirgends schmeckt mir das Brot und die Brötchen so perfekt wie zuhause-zuhause.

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