Das Erbe meiner Schwester

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In den letzten Monaten bin ich zu einer Frau geworden, die freiwillig viel Zeit im Baumarkt verbringt. Schuld daran ist, wie an so vielem in meinem Leben, meine Schwester. Mit ihrem Tod ist unser einziges ordentliches Familienerbstück, eine Kommode unserer Urgroßmutter, an mich übergegangen. Und die habe ich in den letzten Wochen aufgemöbelt und an mein Leben angepasst. Mal wieder staune ich darüber, wer ich sein kann und welche Seiten meine Schwester aus mir hervorzaubert.

Sie selbst hat nie Kommoden renoviert. Meine Schwester hat auch kein aufregendes Leben geführt. Sie ist nicht gereist, hatte keine coolen Hobbys. Objektiv betrachtet, hat sie auch nichts geleistet, keine Karriere, keine Kinder vorzuweisen, noch nicht mal Sportabzeichen hat sie bekommen. Eigentlich hat sie nur so rumgesessen, aus dem Fenster geschaut und Musik gehört. Und doch hat sie die Menschen, die ihr begegnet sind, verzaubert; mit ihren leuchtenden Augen, ihrem Lächeln, ihrer Zufriedenheit, ihrer Ruhe. Nicht alle natürlich; Manche fanden sie auch nichtssagend oder unbequem. Weil ihr Rollstuhl im Weg stand, weil sie anders kommunizierte, weil sie besonders eigen war, weil sie sich die Leute ausgesucht hat, an die sie ihre Liebe verschwendete.

In der Liebe, die sie in uns gepflanzt hat, lebt sie weiter. Jedes Mal, wenn meine Mama jetzt zu ihrem Grab geht, stehen dort Blumen, die nicht von Mitgliedern unserer Familie sind. Auch Monate später denken die Menschen ihres Lebens an sie, vermissen sie, suchen sie. Einer ihrer Freunde hat sich ihre Lieblings-CDs ausgeborgt, um ihr nahe zu sein. Er hofft, mit ihrer Musik so zur Ruhe zu kommen, wie damals, als er sie mit ihr gehört hat. Und vielleicht hofft er, sie in ihrer Musik wiederzufinden.

In dem Trubel dieser Welt, in der wir viel zu schnell aus den Augen verlieren, was wir wirklich brauchen, und in der wir uns immer schneller um uns selbst drehen, war meine Schwester der Anker. Sie schenkte ihren Besuchern Ruhe und die Erinnerung daran, was wirklich zählt. Das ist ihr Vermächtnis. Wenn ich an ihre Sternenaugen denke, erinnert mich das daran, welche Prioritäten sie mir durchgehen lassen würde. Nur das möchte ich fortan wichtig nehmen. Sie hat mir viel über die Menschen in meinem Leben beigebracht. Auch noch in ihrem Tod. An meinem Leben, viele Kilometer entfernt von ihrem Grab, hat sich eigentlich nicht viel geändert. Nur mein Zentrum fehlt.

In meinem Wohnzimmer steht jetzt eine neue Kommode. Wie lange hatte ich damals rumgequengelt, dass ich sie auch mal haben wollte. Nun habe ich sie. Das Dumme an Erbstücken ist allerdings, dass der Vorbesitzer sie nicht mehr braucht. Freuen kann ich mich daran trotzdem, auf meine neue bittersüße Art. Meine Schwester hat mir aber viel mehr hinterlassen als einen alten Schrank. Jeden Tag frage ich mich, wie ich das eigentlich mache, ohne sie weiterzuleben. Aber in Wahrheit muss ich das ja auch nicht.

2 Kommentare

  1. Luise

    Liebe Silke,

    vielen Dank für einen weiteren, wunderschönen Beitrag.
    Jedesmal, wenn ich ein neues buntes Kleidungsstück für mich entdecke oder ein farbenfrohes Accessoire für meine Wohnung anschaffe, dann denke ich an meine selige Frau Mutter. Die Kolleginnen und Kollegen in Ahaus haben ihr mal eine Urkunde geschenkt, die war auf „Daggi Dampfkartoffel“ ausgestellt.
    Immer, wenn ich so ein bißchen Dampfkartoffel in meinem Leben finde, freue ich mich. Dass sie da war- und zeitgleich tut es immer ein bißchen weh, dass sie es nicht mehr ist. Jedenfalls nicht so, dass ich ihr meine Freunde vorstellen kann oder ein neues Kleid zeigen. Oder mich so richtig mit ihr fetzen kann.

    Fühl Dich umarmt. <3

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    1. Silke (Beitrag Autor)

      Danke, liebe Luise, für deinen liebevollen, persönlichen Kommentar <3 . Ich finde es grade hammer mitzuerleben, dass Ende doch nicht Ende ist, sondern eine, wenn auch sehr schmerzliche Veränderung, und wohl auch unser eigenes Ende es nicht sein wird. Ich habe das Gefühl, wir brauchen in unseren Leben mehr Dampfkartoffel und Sternenaugen, noch viel mehr von dem, was uns und anderen fehlen wird. Der Schmerz erinnert daran, dass es gut war. Und das tut - auf seine eigene irre Weise - gut.
      Umarmung zurück.

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