Der Weg hindurch

Eisrosen

Tja, das sollte hier in diesem Blog eigentlich niemals so persönlich werden. Karriereschädlich, Privatsphäre schützen und so. Aber ich habe immer behauptet, der Tod gehört zum Leben und gehört deshalb mitten ins Leben. Deshalb gehört auch meine Trauer mitten ins Leben und mitten in dieses Internet. Außerdem: Worüber sollte ich zurzeit sonst bloggen? Ihr müsst da jetzt also durch – oder einfach weiterklicken und wieder vorbeikommen, wenn ich eine andere Platte auflege.

Nach dem Tod meiner wundervollen Schwester vor 23 Tagen habe ich das mit diesem Alltag in der letzten Woche wieder in Angriff genommen. Ende der Woche wurde ich immer wieder gefragt: „Und wie geht’s dir jetzt?“, so als müsste die Antwort nach über zwei Wochen endlich sein: „Schon viel besser, danke“. Dabei hatte ich nur beschlossen, wieder zu funktionieren.

In meinem letzten Post habe ich über das große Glück geschrieben, in diesen schwarzen Tagen nicht alleine zu sein. Ich weiß, dass ich Menschen um mich habe, die mich verstehen oder zumindest ertragen und aushalten; egal, was da noch so kommt. Die Menschen, mit denen ich jetzt weinen kann, sind diejenigen, mit denen ich hinterher wieder lachen will. Was für ein Geschenk!

Trotzdem weiß ich, dass ich mit meinem Schmerz allein bin. Ich muss da ganz alleine durch. Und das ist gut so, denn ich muss einen neuen Weg finden und das kann nur ich. Und das will ich auch, alleine. Meine Schwester, mein Schmerz, meine Trauer, mein Weg. Niemand kann mit mir dieses Tal durchschreiten. Es ist sehr schön zu wissen, dass Menschen am Rand stehen und auf mich aufpassen. Menschen, die mir Musik und Sonnenstrahlen runterschicken und die am anderen Ende auf mich warten werden.

Der Weg ist meiner. Ich werde dieses Tal durchwandern. Ich will keine Abkürzungen nehmen und nicht den sonnigen Höhenweg. Ich will in die Tiefen hinab und hindurch. Am Ende meines Trauerprozesses will ich mich nicht von meiner Schwester verabschiedet haben, wie die einschlägige Trauerliteratur es vorsieht, sondern ich will einen neuen Weg gefunden haben mit meiner Schwester zu leben. Inzwischen weiß ich: Nicht nur der Tod, sondern auch die Toten gehören in mein Leben.

Mein neuer Weg wird Zeit brauchen. Das ist keine Frage von Tagen oder Wochen. Es geht um Monate oder Jahre. Das heißt nicht, dass ich nicht zwischendurch wieder lachen und feiern kann und nicht fröhlich sein werde. Ich werde sogar wieder rumhektiken, planen und ohne nachzudenken funktionieren; aber die Leere und die Stille in mir werden vorerst bleiben. Ich werde sie noch fühlen, auch wenn sie sonst keiner mehr sieht. Meine Schwester ist heimgegangen und ich habe ihr einen Teil von mir mitgegeben. Jetzt will ich rausfinden, welchen Teil von sich sie mir dagelassen hat.

1 Kommentar

  1. Werewolf Tamer

    Die Trauer kann (und hoffentlich will) dir keiner abnehmen, nein. Sie gehört zu unserem Leben, wir müssen mit ihr „fertig werden“, müssen sie integrieren lernen, müssen mit ihr umgehen lernen.

    Helfen können wir dir dabei nur bedingt. Aber du kannst sicher sein, dass jemand da ist, wenn DU ihn/sie brauchst, nicht aufdringlich immer an deiner Seite (das kann oft mehr als nervend sein!) aber still, wartend und sofort zur Stelle wenn es nötig ist.

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