Die Kunst des Schwänzens

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Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich zuhause auf meinem Balkon und höre die Mauersegler fiepen. Die Hausdächer der Südstadt leuchten rot in der Abendsonne. Neben mir steht ein duftender schwedischer Instantkaffee und ein Buch, das mich berührt, wartet geduldig, bis ich mich ihm demnächst wieder widme.

Heute ist der süßeste Abend der Woche. Nicht nur wegen des guten Kaffees und der Roten Grütze mit Vanillesoße, die ich schon gelöffelt habe, sondern weil dieser Abend ganz anders geplant war. Ich schwänze grade. Ich bin aus meinem eigenen Terminplan ausgebrochen, um nichts zu tun. Das Licht zu genießen. Die Welt vorbeidrehen zu lassen, während ich sie mir für ein paar Stunden anhalte.

Damals in der Schule hatte ich wohl kein besonderes Talent zum Schwänzen. Oder vielleicht auch einfach keine Lust dazu. Oder keinen Mut? Jedenfalls erinnere ich mich nicht mehr daran, geschwänzt zu haben. Außer vielleicht Musik und Sport, aber das ist eine andere Geschichte. In diesem Jahr schwänze ich jedoch bereits zum zweiten Mal.

Beim ersten Mal unternahm ich nach der Arbeit eine spontane Fahrradtour in der Frühlingssonne an der Leine entlang und entdeckte auf dem Heimweg einen Bäcker mit großartiger Nusstorte. Was ich an jenem Abend geschwänzt habe, habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur noch an das Gefühl der Freiheit. Eine kleine Rebellion gegen meinen gut geplanten Alltag.

Schwänzen hat mich daran erinnert, dass ich Herrscherin meines Lebens bin. Und meiner Termine. Die wahre Kunst des Schwänzens liegt darin, mir selbst etwas Gutes zu tun. Und da heute ein Glückstag ist, werde ich am Ende eines solchen Abends mit einem Abendhimmel beschenkt, den ich sonst verpasst hätte.

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