Expeditionsbericht re:publica 2016

re:publica 2016 Collage

rpTƎИ: Menschen. Liebe. Diversität. Inspiration. Kreativität. Revolution. Karaoke.

Das war’s eigentlich schon in Kurzform. Da ich aber auf der zehnten re:publica letzte Woche in Berlin dreieinhalb großartige Tage verbracht habe, gibt es natürlich noch viel mehr zu erzählen. Außerdem will ich euch ein paar Sessions zum Nachschauen empfehlen (und verlinken), die mir mal wieder den Horizont erweitert oder einfach nur Spaß gemacht haben. Hier also die Langform mit meinen großen re:publica-Themen:

Liebe

Klar, als großes Treffen der Onliner ist die re:publica ein Ort, an dem wir alle in unserer kuscheligen Filterbubble sind. Trotzdem wurde grade in diesem Jahr ein Fokus auf den Hass im Netz gelegt, oder besser gesagt: auf den Umgang damit.

Kübra Gümüşay erzähle in ihrer Session Organisiert Liebe sehr emotional und offen, wie sie jeden Tag mit Hass konfrontiert wird und was der mit ihr macht. Diese Session ging mir unter die Haut und drängte mich aus meiner Komfortzone. Kübra forderte uns auf, uns gegenseitig mehr zu unterstützen, das Positive im Netz zu zelebrieren – und bekam am Ende Standing Ovations.



Auch Johannes Korten hatte in seiner Session Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen ein paar gute Beispiele dabei, bei denen die Netzbewohner die Stärken des Netzes nutzen, sich gegenseitig ganz konkret unterstützten und mit einem gemeinsamen Paukenschlag Leben positiv beeinflussten. Hilfsaktionen wie Ein Buch für Kai oder Holler kaputt sind für mich – auch wenn ich sie das X-te Mal höre – Gänsehaut-Garanten, weil sie zeigen, dass wir die Welt doch verändern können.

re:publica 2016 Johannes Korten

Diversität

Eine meiner Lieblingssessions war die Session Kinderbücher: inklusiv. queer. interkulturell. Aber wie? von Carina Kühne, Suse Bauer und Raúl Aguayo-Krauthausen, in der es um Diversität in Kinderbüchern ging. Es fehlt noch immer an Kinderbüchern, bei denen ein Kind mit Behinderung ein Abenteuer erlebt, das nichts mit der Behinderung zu tun hat. In vielen Büchern, in denen Menschen mit Behinderung vorkommen, steht noch immer das Anderssein im Mittelpunkt, nicht die Gemeinsamkeiten. Zum Glück hatten die drei Speaker aber auch ein paar Bücher mit guten Beispielen dabei und Carina las ihre Kurzgeschichte Rieke mag nicht mehr allein sein!.

re:publica2016: #kunterbunteskinderbuch

Besonders beeindruckt hat mich das Buch Wir gehen auf Bärenjagd, dessen Text auch in Braille-Schrift ist und dessen „Illustrationen“ zum Anfassen und Erfühlen sind. Fun fact: Die Herstellung eines einzigen dieser Bücher dauert acht Stunden (wenn mich mein Gedächtnis hierbei nicht im Stich lässt). Diese Session hat noch einmal gezeigt, dass Kinderbücher politisch sind und wie sehr sie unsere Weltsicht prägen. Und dass es auch hier noch viel zu tun gibt.

re:publica2016: Bärenjagd

Geschichten sind eben nicht nur eine Möglichkeit zu unterhalten, sie transportieren auch Kultur und Weltanschauungen. Bei Change the story – change the world nahm Laurie Penny uns tief mit hinab in das Nerd-Loch aus Fantasy, SciFi und Fan Fiction und führte mir vor Augen, wie homogen und eintönig die meisten Geschichten nach wie vor sind: westliche weiße hetero Männer lösen irgendwelche Probleme und retten die Welt – die klassische Heldenreise. Frauen, Menschen aus einem anderen Kulturkreis oder gar welche, die aus der Norm fallen, sind nach wie vor erschreckend unterrepräsentiert.

Zum Thema Diversität gehören für mich auch unbedingt die Sessions Das Internet hat mich dick gemacht von Journelle_ und Every BODY dance now – Unsere Körper im Netz von Josefine Matthey, die ich leider beide nicht live miterleben konnte, die mich aber auch im Stream begeistert und inspiriert haben.

Veränderung

Wir sind mitten in einer Revolution – blajaha; wissen wir alle. Aber so deutlich wie zwischendurch immer wieder auf dieser re:publica war es mir selten bewusst. Wir stecken mittendrin in dieser gigantischen Veränderung, in die das Digitale uns stürzt. Wir dürfen Zeuge des Anfangs und Pioniere sein. Und auch wenn natürlich alles jenseits von perfekt ist und wir irgendwann milde lächelnd auf uns zurückblicken werden: Wir machen das gut. Wir finden neue Wege. Wir nutzen das Potenzial des Netzes, erweitern unsere Möglichkeiten.

Besonders deutlich wurde das für mich am Beispiel der Bibliotheken, die Wibke Ladwig in der Session Nichts kommt dem Landleben gleich: Bibliotheken der Zukunft in der Provinz vorstellte (zu der es hoffentlich bald den Stream oder das zumindest das Audio gibt). Wibke zeigte, dass Bibliotheken heute so viel mehr sind als nur ein Haus voller Totholzbücher und ein paar E-Books.

Gerade in gebeutelten Städten können Bibliotheken zu Orten der Hoffnung werden, wenn sie Räume für Menschen von Menschen sind. Wibkes Beispiele zeigen, was passieren kann, wenn man Menschen befähigt, Treiber der Innovation zu werden. Diese Session machte nicht nur Spaß und Mut, sondern auch Lust, demnächst mal wieder in die Bücherei zu gehen.

re:publica 2016: Wibke Ladwig

Quasi im Kontrast zur Bibliotheks-Session stand die Haltung einiger Besucher zu Snapchat. Ausgerechnet Mitglieder der digitalen Avantgarde (als die sich re:publica-Besucher ja gerne sehen) schienen einfach beschlossen zu haben, Snapchat nicht verstehen zu wollen. Dabei hatte Franziska Broichs in ihrer Session Let’s snap it: How organisations can use Snapchat gute Beispiele dabei, die anschaulich zeigte, worauf es bei Snapchat ankommt und was das Besondere an dieser Art der Kommunikation ist. Also los geht’s.

Randbemerkung: Einiger meiner Freunde sind ebensolche Snapchat-Anfänger wie ich und deshalb spamen wir uns inzwischen ungeniert gegenseitig zu. Ich finde es zurzeit völlig egal, ob ich Snapchat mag oder nicht; Das wird sich zeigen. Aber wenn ich das jetzt nicht ausprobiere, dann verstehe ich auch den Dienst nicht mehr, der nach Snapchat kommt. Auch wenn wir Onliner inzwischen schon ziemlich in die Jahre gekommen sind, bin ich definitiv zu jung, zu hipp und nicht bereit, mich schon abhängen zu lassen. Johnny Haeusler hat zum Umgang mit Snapchat auf der re:publica übrigens auch einen lesenswerten Kommentar geschrieben.

Zum Anfassen

Auch wenn wir alle so furchtbar online sind, geht es bei der re:publica nicht nur um Digitales. Au contraire. Besonders gefreut habe ich mich, all die tollen Menschen wiederzusehen, mit denen ich das Jahr über digital venetzt bleibe und neue Menschen, die ich bisher nur virtuell kannte, in echt zu treffen. Wir machen einfach genau da weiter, wo wir digital aufgehört haben. Es gibt keine zwei Welten.

Dank der fast schon legendären Sketchnotes für Einsteiger-Session besitze ich jetzt zwei schicke neue Stifte und übte mich weiter im Malen. Weil’s so lustig war, ging ich auch noch in die Fortgeschrittenen-Session und – keine Ahnung was mich geritten hat – in die Profi-Session „Binge-creating statt Binge-watching“ von Kiki Thaerigen. Merke: Talent braucht kein Mensch, aber vergleichen ist das Ende von Spaß.

Und sonst so?

Außerdem war ich natürlich wieder in ein paar Wissenschaftssessions und begeisterte mich umgeben von Raumfahrt-Nerds ein weiteres Mal für die Möglichkeiten, die in Open Science stecken. Ich diskutierte über Sicherheit und Freiheit nicht nur im Netz, ließ mich bei Meetups auf ein Bier einladen, aß überraschend lecker und freute mich über Spontanhelfer und digitale Jedis.

re:publica 2016: Virtuelle RealitätenAm ZDF-Stand erlebte ich meinen eigenen Shitstorm und ließ mich hinterher mit einem Candystorm wieder aufbauen. Trotz aller Vorhersehbarkeit war das ein spannendes Erlebnis, denn ich hatte mir vorher vorgenommen, mich davon nicht beeindrucken zu lassen und keine Miene dabei zu verziehen. Wer mich kennt, kann sich bestimmt denken, dass das natürlich nicht geklappt hat. Tja.

Noch viel beeindruckter war ich vom Fortschritt der Technik bei Virtuellen Realitäten, hatte ich sie doch seit einiger Zeit nicht mehr ernsthaft ausprobiert. Verändern musste ich auch meine Sicht auf Karaoke, denn bei der „The Internet of Sings“-Party hatte ich irre viel Spaß. Gut möglich, dass „öffentlich Karaoke-Singen“ demnächst auf meiner 100-erste-Male-Liste steht.

Mitbringsel

Von dieser re:publica nehme ich wieder neue Denkrichtungen und Ideen mit, Weltsichten, die mein Leben nachhaltig beeinflussen werden. Auch wenn mir die historische Dimension dieser digitalen Revolution zwischendurch so deutlich wurde, so bin ich davon überzeugt, dass all dieses Digitale inzwischen für viele, viele Menschen normal geworden ist. Wir haben offline und online zu einem neuen erweiterten Weltbild verbunden, bei dem keine Seite mehr um die Vorherrschaft kämpfen zu müssen glaubt, und finden jetzt Pixi-Bücher in den re:publica-Konferenztaschen.

Mich hat diese re:publica daran erinnert, dass wir die Welt mitformen, in der wir leben möchten. Und damit mache ich jetzt frisch inspiriert weiter.

re:publica 2016 Glamour

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