Geisteswissenschaften: Und was wird man damit? Lobbyist, zum Beispiel

Foto von Johannes Bräun

In der Interview-Reihe „Und was wird man damit?“ erzählen immer mal wieder dienstags GeisteswissenschaftlerInnen, die im Beruf stehen, aus ihrem Arbeitsalltag und was ihnen das Studium tatsächlich gebracht hat. Heute: Johannes Bräun, Lobbyist.

Johannes Bräun (35) hat mit einem bodenständigen Studium angefangen: Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt IT. Da er aber lieber nächtelang Geschichtsbücher las, statt Buchführung zu lernen, schwenkte er auf Geschichte und Philosophie um. Im Master spezialisierte er sich auf Alte Geschichte und Klassische Archäologie. Heute leitet er den Bereich Wirtschafts- und Umweltpolitik bei den Thüringer Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden.

Vom Geschichtsstudium zum Lobbyismus: Wie ist das denn passiert, Johannes?
Naja, wir kennen ja alle die Floskel vom „geglückten Berufseinstieg“. Mein Glück war, dass ich über mein Ehrenamt an der Uni den späteren Pressesprecher der FDP-Landtagsfraktion kennengelernt habe. Und als er auf der Suche nach einem Stellvertreter war, bin ich ihm mit als erstes eingefallen.

Nachdem ich dann die Entscheidung getroffen hatte, der Politik den Rücken zu kehren, kam eine Nachricht von meiner späteren Chefin. Während des Bachelors hatte ich ein Praktikum in einem Wirtschaftsinstitut gemacht und allem Anschein nach gar nicht mal so schlecht, denn als im Institut eine Stelle frei wurde, hat sich die Institutschefin an mich erinnert und mal nachgefragt. Dass das just zu dem Zeitpunkt war, als ich auch selber wieder auf der Suche war, war Glück.

Dass ich jetzt die Wirtschafts- und Umweltpolitik mache, ist einem hausinternen Wechsel zuzuschreiben. Es ist heute mehr Arbeit als vor zwei Jahren, aber gar nicht so viel anders.

Letztlich kann ich sagen: Das Glück hilft Dir nur, wenn Du auch Leistung bringst – die überzeugt nämlich.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
So einen richtigen Alltag habe ich zum Glück gar nicht, so dass ich keinen typischen Tag darstellen könnte. Versuchen wir es mal anders:

  • In den letzten Wochen habe ich mehrfach vor verschiedenen Gremien über die konjunkturelle Lage gesprochen, also Arbeitlosenquote, Auftragseingänge, Produktionerwartungen, Inflation, BIP-Prognosen und so weiter.
  • Zusammen mit einer Kollegin habe ich für einen Vertreter aus dem Ehrenamt die Vorbereitung für Podiumsdiskussion gemacht, die wir uns dann auch angesehen haben.
  • Mit unserem IT-Dienstleister habe ich die Konjunkturumfrage für das zweite Quartal abgestimmt. Schwerpunkt ist diesmal das Thema Investitionen.
  • Demnächst geht es zur Sitzung des Volkswirtschaftsausschusses eines Dachverbandes und später zum Arbeitskreis Energie und Klima.
  • Die Woche darauf steht dann eine Präsentation zum Thema Demografie und Berufsausbildung an.

Außerdem beobachte ich sehr genau die Landespolitik. Eine meine Aufgaben ist nämlich auch, Stellung zu den Gesetzen und Verordnungen der Landesregierung zu nehmen. Zum Tagesgeschäft gehört auch das tägliche Zeitungslesen – was tut sich national und international? Was bedeutet das für welches Unternehmen?

Was sind die unalltäglichen Highlights deines Jobs?
Wenn ich aus dem Büro herauskomme, und mit unseren Mitgliedsunternehmen zu tun habe. Ich kann dir sagen: Hightech ist im Thüringer Wald nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Was man da zu sehen bekommt, ist schon irre.

Was hast du im Studium gelernt, was dir heute noch hilft?
Die klassische – und richtige Antwort – ist ja, dass Geisteswissenschaftler sich schnell in fremde Themen einarbeiten können. Was mir aber am allermeisten hilft, ist das Schreiben. Letztlich geht es in meinem Beruf ja darum, aus den Daten eine schlüssige und überzeugende Argumentation zu entwickeln. Und die sollte auch allgemein verständlich sein.

Ich habe Geschichte immer als etwas Lebendiges verstanden, über das man lebendig und lebensnah schreiben soll. An der Uni hat man mir dafür oft einen Mangel an Wissenschaftlichkeit unterstellt. Was für ein Quatsch! Es geht um das Leben von Menschen, das sollte man nicht in Bandwurmsätzen und hinter Wortungetümen verstecken.

Der zweite ganz wichtige Punkt ist die Quellenkritik. Gerade in der Politik sagt ja jeder dauernd irgendwas zu allem. Ständig gibt es Studien, Umfragen, Publikationen. Aus Historikersicht kommen da ein Haufen Quellen zusammen. Entscheidend ist jetzt zu begreifen: Wer sagt was? Wer ist der Adressat? Wie beabsichtigt ist welche Aussage? Aus welchem Umfeld heraus kommt die Aussage? Welchen Rahmenbedingungen und vielleicht Zwängen ist sie geschuldet?

Das klingt alles nach Binsenweisheiten, gehört aber zu den Werkzeugen des Historikers – wer es nicht glaubt, dem empfehle ich das gleichnamige Buch.

Was können andere Geisteswissenschaftler aus deinem Lebenslauf lernen?
Da fallen mir zwei Dinge ein: Erstens: Wenn wir denn schon so stolz auf unsere Fähigkeit sind, über den Tellerrand zu sehen, dann sollten wir dringend damit aufhören, Ingenieure, Betriebs- und Volkswirte zu belächeln, weil sie sich nicht mit den großen Fragen des Seins und Sinns beschäftigen. Wenn ihr das nächste Mal im ICE über eine Brücke fahrt, Handy oder Computer benutzt, das amazon-Schnäppchen am Tag nach der Bestellung geliefert wird, dann fragt Euch: „Welche Leistungen stecken dahinter?“, „Was muss man dafür wissen und können, dass das kappt?“ – und vor allem: „Könnte ich das?“.

Zweitens: Achtet auf die Marktfähigkeit Eurer Abschlüsse. Der Voll-Geisteswissenschaftler im Management ist die Ausnahme, nicht die Regel. Fragt Euch, wie groß die Nachfrage nach Euren Fähigkeiten ist und verlasst Euch nicht darauf, dass ihr schon irgendwie an der Uni unterkommt oder sich irgendwas ergibt.

Geisteswissenschaftler werden in der Regel überdurchschnittlich geschätzt, wenn sie sich in eigentlich fachfremde Themen einarbeiten. Aber ihr müsst immer erst mal an einem Personaler vorbei, der vor allem jemanden braucht, der Aufgaben in seiner Firma schnell und zuverlässig abarbeitet. Das traut man uns oft immer noch nicht zu.

Greg Mankiw schreibt, dass jeder gute Ökonom auch immer ein guter Historiker sein muss. Diesen Gedanken kann man doch auch mal umdrehen. Diese Denke fehlt aber bei vielen Historikern. Damit vergeben wir viel zu viele Chancen!

Also studiert ein wirtschaftliches oder technisches Nebenfach. Wenn wir über den Tellerrand hinaus schauen wollen, sollten wir damit bei unserer Fächerwahl anfangen. Wir haben viel mehr wirtschaftliches und gesellschaftliches Potenzial als halbe Stellen an der Uni oder „irgendwas mit Medien“.

Vielen Dank, Johannes, für diesen Einblick in deine Arbeitswelt.

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