Trekking in Lappland: die große Freiheit

Lappland

Seit Wochen vergleiche ich Nährwertangaben auf Müsliriegelkartons, studiere Landkarten, wiege Frühstücksbrei löffelweise ab und vergleiche das Gewicht von T-Shirts; Ich laufe morgens um den See, führe Listen, schreibe Tagespläne und trainiere meine Rückenmuskulatur – kurz: Ich bereite mich auf mein nächstes Abenteuer vor. Für den Sommer plane ich eine zweiwöchige Trekkingtour nach Schwedisch Lappland.

Die Tour

Das ganz große Abenteuer – in meinen natürlichen Grenzen. Ich werde einen ausgeschilderten Weg gehen, den ich so ungefähr vor ein paar Jahren schon einmal gegangen bin. Unterwegs gibt es Hütten, eine Siedlung und jede Menge Rentiere. Zwei Wochen mit Rucksack, Zelt und Gaskocher durch die (relative) Wildnis. Keine Straßen, kein Handyempfang, keine Verpflichtungen. Nur die fast menschenleere Natur um mich herum, die mit jedem Tag lauter wird, je mehr ich innerlich zur Ruhe komme und die Quälgeister in mir verstummen. Diese Tage, an denen ich nichts anderes vorhabe, als morgens mein Zelt zusammenzupacken und loszulaufen, wie weit-oder-auch-nicht mich meine Beine bringen werden, sind meine ultimative Freiheit. Und auf die habe ich schon wieder viel zu lange verzichtet.

Die Liebe

Als ich die theoretische Möglichkeit trekken zu gehen zum allerersten Mal diskutiert habe, fand ich den Gedanken absurd (Ich, zelten? In der Wildnis?!? Niemals!). Noch am Abend vor der ersten Tour hätte ich am liebsten einen Rückzieher gemacht; zu bedrohlich erschien mir der Gedanke auf die Zivilisation verzichten zu müssen und auf mich selbst zurückgeworfen zu werden. Das schwedische „Fjäll“ und ich mussten auf die harte Tour zusammenfinden, aber das passt zu uns beiden.
Lappland
Im ersten Jahr bin ich mit knapp 25 Kilo gestartet, die ich untrainiert und in Trekkingschuhen mit biegsamer Sohle auf meinem Rücken durch das schwedische Hochland geschleppt habe. Unfassbar. Ich erinnere mich noch gut an den Abend des zweiten Tages als ich vor Erschöpfung und Hunger zitternd im offenen Zelt saß und nur noch nach Hause in mein Bett wollte. Da sprang ein mutiger kleiner weißer Polarfuchs hinter einem Busch am Fluss hervor und meine Welt hielt den Atem an. Ab da war es um mich geschehen. Der Rucksack wurde mit jedem Tag leichter, ich stärker, meine Liebe zu diesem weiten Land größer.

Die Faszination

Seit meiner ersten Tour weiß ich: Es wird schöner, je weniger ich dabei habe. Da ich trotzdem auf bestimmte Ausrüstungsgegenstände angewiesen bin und einiges neu brauche, erfordert so eine Tour gute Vorbereitung. Ich liebe diese Touren auch, weil ich dort oben Entscheidendes über mich und mein Leben lerne. Mein Minimalismus dort macht mich frei für die kleinen Wunder des Lebens. Das ist wie im richtigen Leben.

Wenn ich in den letzten Wochen von meinen Reiseplänen erzählt habe, bin ich auf die bekannten verwirrt-irritierten Blicke gestoßen, aus denen ich lesen kann, dass man mich für total bescheuert hält. Das kann ich verstehen, so ungefährt zumindest. Ich bin aber auch echtem Interesse, guten Fragen und hilfreichen Tipps begegnet. Zuerst hat mich das überrascht und skeptisch gemacht. Aber dann habe ich erkannt, dass es meine Begeisterung ist, die ausstrahlt, und dass das Exotische und die Einfacheit meiner „Expedition“ faszinieren.

Bei meinen Tourvorbereitungen werde ich euch die Tür zu dieser faszinierenden Welt einen Spalt öffnen, damit ihr hineinlinsen könnt. Und vielleicht erzähle ich dann beim nächsten Mal, warum ausgerechnet meine Küchenwaage meine neue beste Freundin ist.

4 Kommentare

  1. Marco Bohnsack

    Moment, ich habe doch da neulich dieses Buch gelesen, von dieser Silke Stray oder so… :-)
    Im Ernst: Ich finde es verdammt cool, was Du da machst. Ewige Weiten, mit sich allein unterwegs sein, den Kopf klar kriegen und dabei die Welt Schritt für Schritt kennenlernen. Sowas machen die meisten Menschen nie und der Rest viel zu selten. Ich kann das ganz gut nachvollziehen, auch wenn ich nie zu Fuß unterwegs gewesen bin. Bei mir war aber auch irgendwann ein Tilt da, ich hatte mich lange verloren und wollte wissen wer ich bin und was ich kann.

    Also baute ich ein Motorrad zur Reisemaschine um und fuhr ein paar Wochen durch Europa, ganz allein, nur ich und meinen Gedanke und ganz viel Straße. Das hat echt viel gebracht, und seitdem mache ich das jedes Jahr ein paar Wochen. Allerdings nicht mehr so unvorbereitet wie beim ersten Mal… jetzt geht es Wochen vorher täglich ins Fitnesstudio, um die Rückenmuskulatur in Form zu bringen, und jeder Abend wird genutzt um akribisch die Ausrüstung zu prüfen, zu reparieren und ggf. zu ersetzen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde es saucool, was Du da machst und wie Du es angehst, wünsche Dir ganz viel spaß und: Komm heil (oder heiler?) wieder zurück!

    Viele Grüße aus Siena, einer Etappe der diesjährigen Motorradtour!

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    1. Silke (Beitrag Autor)

      Sowas! Was ich durch einen simplen Blogpost so alles über meine Mitmenschen lerne. Vielen Dank für deine Geschichte! Deine Touren klingen auch sehr cool. Und du bekommst dabei etwas mehr zu sehen als ich. Erstaunlich, dass man sich selbst so gut unterwegs finden kann. Vielleicht geben wir uns einfach die Chance uns ohne die Geschwindigkeit des Alltags selbst wieder einzuholen.

      Viele Grüße in die schöne Toskana, in der ich bisher nur mit geschlossenen Fahrzeugen unterwegs war.

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  2. biblioreader

    „Wenn es in der Gegenwart gerade nicht weiter geht, kommt die Zukunft aus der Vergangenheit.“ – ich schnappte diesen Spruch in einem französischen Film auf. Und er traf auf mich zu. Aber so was von. Als Jugendlicher bin ich die Dolomitenhöhenwege gelaufen oder rund ums Stubaital, etc.
    Die Erinnerungen sind noch immer präsent, doch die Wanderschuhe blieben lange im Schrank. Erst mit dem letztem Umzug und dem Harz vor der Tür entdeckte ich wieder die Lust. Und so richtig schön ist es, wenn ich stundenlang niemanden begegne. Der Kopf wird wieder frei für die wirklcih wichtigen Dinge.
    Auch die Verfilmung von Cheryl Strayeds Buch brachte die Idee ein Stück weiter. Das kann ich auch in Europa haben und Skandinavien ist noch immer ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Nun als der nördliche Kungsleden – als Selbstversorger.
    Essen, Kocher, Kleidung – alles zusammen bringt gerade 12 Kilo auf die Waage. Das geht. Davor wie auch hier beschrieben der Kampf ums Gramm. Schlafsack, Zelt und Matte zusammen unter zwei Kilo, die Light-my-Fire Löffelkabel, das Printus Lite plus als kleinstmögliche „Kochstelle“, schwedisches Trockenessen von Bla Band, etc.
    Immer wieder die Suche nach dem optimalen. Und warum muss ich soviele Tickets auf Papier mitnehmen 😉
    Du schreibst „Mein Minimalismus dort macht mich frei für die kleinen Wunder des Lebens. Das ist wie im richtigen Leben. “ und das trifft den berühmten Nagel. Genau darum geht es.
    Doch die Regel braucht bei mir eine Ausnahme: das BibliotheksWesen braucht Bücher – auf den E-Book Reader wird auch in der Wildnis nicht verzichtet: 175 Gramm Luxus – aber es sind auch die Reiseführer drauf.

    Ich wünsche Dir eine tolle Tour. Bei mir geht es in wenigen Stunden los. Ganz langsam mit Bahn und Bus – den schon der Weg ist bekanntlich das Ziel.

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    1. Silke (Beitrag Autor)

      Vielen Dank für deine Nachricht. Zelt, Matte und Schlafsack für zusammen unter zwei Kilo? Schwer vorstellbar, aber sehr beeindruckend! Ich wünsche dir auch eine tolle Tour!
      Deine Anreise ist genau richtig und der Nachtzug gen Norden großartig! Ja, die Freiheit und die Einsamkeit – ich freue mich drauf. Ich hoffe, dass du Letzteres auf dem aller nördlichste Kungsleden um diese Zeit noch findest. Ich bin meist später im Jahr unterwegs und dann ist mir das dort zu überlaufen 😉
      Bin gespannt auf deine Erlebnisse und Erfahrungen! Alles Gute!

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