„Und was wird man damit?“ – Berufliche Stärken von Geisteswissenschaftlern

Von Onkeln und Tanten, von Wildfremden, aber auch von Freunden wird man als Student der Philosophie, Kulturwissenschaften, Soziologie oder Germanistik viel zu häufig gefragt: „Und was wird man damit?“. Viele fragen mit diesem „Kind, du vertrödelst doch dein Leben“-Ton, viele aus Neugier, viele aus ehrlichem Interesse und Unwissenheit. Aber egal wie: Diese Frage ist gefürchtet.

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Der Geisteswissenschaftler in seinem natürlichen Habitat? (Éole Wind: the Reader)

Die meisten Geisteswissenschaftler haben Studienfächer gewählt, die sie interessieren und die Spaß machen sollen. Was man mit dem hart erkämpften Wissen im späteren Berufsleben tatsächlich anfangen könnte, wissen die wenigstens selbst. Und so verstummen viele bei dieser Frage, drucksen herum, erzählen etwas Vages von „Medien“, „Berater“ und „Verlag“, scharren mit den Füßen und hoffen, dass schnell das Thema gewechselt wird, vielleicht weil sie insgeheim auch fürchten, dass sie ihr Leben vertrödeln könnten.

„Reich und berühmt!“ antwortete ich, wenn ich zu Studienzeiten mit der berüchtigten Frage konfrontiert wurde – und wenn ich fand, der Frager hatten keine ehrlichere Antwort verdient. Das hat prima funktioniert. Als ich Anfang des Jahres an der Uni Bremen war, um über Geisteswissenschaftler im Beruf zu sprechen, erzählte mir eine Studentin, sie würde auf die berüchtigte Frage immer „Ich werde Taxifahrer“ antworten, dann sei auch Ruhe. Das finde ich ganz furchtbar deprimierend! So aussichtslos ist das doch gar nicht mit diesem Job.

Die Antwort zeigt eine typische Defensiv-Haltung, die Geisteswissenschaftler – zu Unrecht! – einnehmen. Viele haben im Studium das Gefühl, dass das zwar alles super spannend ist, was sie da so lernen, aber was man später im Berufsleben damit anfangen könnte, ist für sie nur schwer vorstellbar. Mit all dem schönen Wissen kann man sich schließlich irgendwie auf alles ein bisschen bewerben – oder eben auf gar nichts.

Die schlauen Ratgeber dieser Welt für Geisteswissenschaftler raten schlau, man möge sich seiner persönlichen Stärken bewusst werden, Praktika machen, um diese Erkenntnis zu überprüfen und zu präzisieren, sich außeruniversitär engagieren und die fachkundigen Berater beim Arbeitsamt und bei der Uni aufzusuchen, um die berufliche Zukunft mit ihnen zu besprechen. Das finde ich auch alles richtig und wichtig – außer, dass ich nachdrücklich empfehle, sich eher an gestandene Geisteswissenschaftler im Beruf als an Arbeitsamtberater zu halten.

Schluss mit Bescheidenheit und Zweifeln: Unsere Stärken

Mindestens genauso wichtig wie ein jobrelevantes Hobby finde ich, dass wir uns als Geisteswissenschaftler unserer Kompetenzen bewusst werden, die wir im Studium erlernt und trainiert haben und selbstbewusst zu unserer Studienwahl stehen. Denn, entgegen landläufiger Meinung, lernt man im geisteswissenschaftlichen Studium eben doch Vieles, was einem späteren Arbeitgeber zugute kommt – auch wenn wir nicht gewöhnt sind, das zu sehen.

Ganz nebenbei lernen Geisteswissenschaftler im Studium viele verschieden Denksysteme kennen und nachzuvollziehen. Sie lernen, alternative Ideen und abweichende Meinungen zu verstehen und als eine Möglichkeit unter vielen zu sehen. Sie bringen häufig ein Gespür für Sprache und viel Kreativität mit. All das ermöglicht ihnen, sich im Berufsleben leicht und flexibel in neue Aufgaben eindenken und einarbeiten zu können. Es führt auch zu erhöhter Sozialkompetenz: so sind sie in einem Team häufig Streitschlichter und Vermittler.

Geisteswissenschaftler lernen Selbstorganisation und sind häufig außeruniversitär engagiert. Die Studienordnungen sahen schon lange mindestens ein Praktikum vor. Geisteswissenschaftler können über den eigenen Tellerrand blicken, sind selbstkritisch, erkennen Optimierungspotenzial und verfügen über Lebenskompetenz.

Nicht zu vergessen: Aufgrund ihrer Ausbildung denken Geisteswissenschaftler anders als Ingenieure, Juristen, Geologen und Pädagogen. Nicht besser oder schlechter, einfach anders. Sie bieten daher ganz andere Lösungen und Herangehensweisen für Probleme und sind somit eine Bereicherung für jedes Unternehmen.

„Na gut“, höre ich den Geisteswissenschaftler einwenden, „aber das ist ja auch alles nichts Vernünftiges!“ Doch, das ist es! Diese Soft Skills sind es unter anderem, die einen Menschen ausmachen und die die berufliche Laufbahn bestimmen können. Geisteswissenschaftler umgeben sich oft mit anderen Geisteswissenschaftlern und in diesem Umfeld fällt nicht auf, wie besonders und hilfreich diese Fähigkeiten sind. Auch wenn es sich so anfühlt: Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten. Ich empfehle, ein paar Jahre unter Ingenieuren und Steuerfachangestellten zu leben – das wirkt Wunder beim Erkennen der eigenen Stärken.

Schluss mit jammern: Der Berufseinstieg

Man sagt, der Berufseinstieg sei so viel schwieriger für Geisteswissenschaftler. Ich mag solche Aussagen nicht, sie schüren nur Angst und Unsicherheit. Wie will man das denn messen? Und außerdem: Was hilft es zu wissen, dass man es schwerer hat? Durch muss man trotzdem. Ja, der Berufseinstieg erfordert mehr Einsatz, Kreativität und Nachdenken als bei Studienfächern, die den beruflichen Weg schon mit vorzeichnen. Er bietet aber auch viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten. Wenn man mittendrin steckt, ist das beängstigend, auf jeden Fall. Aber wenn man das Studium als Teil der beruflichen Laufbahn sieht, hat man den Einstieg doch schon hinter sich und muss einfach nur ein bisschen weitergehen.

Geisteswissenschaftler haben denken gelernt; Das gilt es anzuwenden. Jeder muss die eigene Antwort auf die berüchtigte Frage „Und was wird man damit?“ finden. Das kann anstrengend sein und lange dauern, aber es lohnt sich. Und es gibt für jeden mindestens eine richtige Antwort.

Bildnachweis: „The reader“ von Éole Wind (flickr). CC BY-NC-SA

12 Kommentare

  1. Ulrike

    Das hätte ich wissen müssen! Damals vor knapp 40 Jahren, als ich mein Studium der Klassischen Archäologie abbrach, bevor das Taxifahren Realität werden würde. Aber nach einer langen Zeit in einem kaufmännischen Beruf kann ich jetzt eben auch auf meine geisteswissenschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zurückgreifen. LG Ulrike

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    1. sinahar

      Tja, vor vierzig Jahren hab ich das selbst noch nicht gewusst 😉 Aber du beweist: es steckt auch ohne Abschluss in uns.

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  2. Cat vom Salon (@amphitryonne)

    Danke für den aufbauenden Beitrag! Bin gerade selbst in der Schlussphase des Germanistikstudiums und hatte meine Sinneskrise im vorigen Jahr, die aber noch nicht ganz überwunden ist. Ist das nicht einfach ätzend, wie einem immer nur Angst gemacht wird?

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    1. sinahar

      Bloß keine Angst machen lassen! Ich habe den Verdacht, es machen einem nur die Leute Angst, die selbst Angst haben, ihr Weltbild könnte ins Wanken kommen, wenn jemand der etwas studiert, was ihm Spaß macht, später noch weiter Spaß (und Erfolg) haben könnte. Also nicht verzweifeln oder aufgeben. Das wird alles! Du hast es selbst in der Hand.

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  3. martinaseveckepohlen

    Deiner Bemerkung über die Angst vor dem wankenden Weltbild kann ich nur zustimmen. Als ich vor siebzehn Jahren meine erste Stelle suchte, war das Denken in vorgefertigten Karrierebahnen noch weiter verbreitet als heute. Zu denjenigen, die (fast) nichts dazugelernt haben, gehören die Berater bei der Arbeitsagentur. Mit dieser Personengruppe hatte ich lange beruflich zu tun. Die sind nur froh, dass graduierte Akademiker ihre Arbeitsplatzsuche selbst in die Hand nehmen. Beraten können sie weder Abiturienten noch Studenten.

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    1. sinahar

      Ja, wir passen nicht ins Bild – und in keine der Kategorien, die sie dort in ihrem System zu vergeben haben. Meine Berater waren damals aber alle durch die Bank nett. Und geholfen hab ich mir halt selbst.

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  4. Sterngucker

    Danke für den fundierten Beitrag – sinahars Artikel haben ja auch sonst Hand und Fuß. Auch auf die Gefahr hin, mich als Klugscheißer zu outen, muss ich als Naturwissenschaftler doch eine Anmerkung machen: Beim ersten und zweiten Auftauchen des Wortes „Geisteswissenschaftler“ im Artikel (in der Überschrift und im zweiten Absatz) wird der falsche Kasus verwendet. Ist in den Geisteswissenschaften ärgerlich, zumal ja eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema erkennbar ist, da Sprache das Haupthandwerkszeug des Geisteswissenschaftlers ist. Und sinahar zeigt ja sonst auch, dass sie eine Sprachvirtuosin ist.
    Also – nichts für ungut! Manche schreiben unter ihre Elaborate: „Wer einen Fehler findet, darf ihn behalten“, das habe ich frecherweise hier mal nicht getan.

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    1. Sterngucker

      Inhaltlich noch: Ich finde die Vielfalt der „Denken“, die unterschiedlichen Heransgehensweisen an ein Problem gerade reizvoll. Also: Es muss Geistes- und Naturwissenschaftler/innen geben, dann wird die Welt bunt und interessant.

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    2. sinahar

      Das ist auch gut so, dass ich meine Fehler hier wiederbekomme. Danke für den Hinweis. Sie wurden erfolgreich in die Flucht geschlagen. Vorübergehend zumindest …
      Und „inhaltlich“ kann ich voll zustimmen! Meine Welt ist zum Glück auch voller NatWis, ITler, Kauffrauen, Geologen, Theologinnen, Steuerfachanfestellten, Studis, Krankenschwestern, Lehrer und Normalos. Da möchte ich keinen von missen!

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  6. eva

    Danke für diesen Artikel. Ich bin gerade mitten in dieser schwierigen Phase und nach einem sehr erfolgreichen Studienabschluss und zweifachem Master erst einmal dabei irgendwie einen Weg in die Arbeitswelt zu finden. Das ist verdammt schwer.

    Aber ich versuche nicht aufzugeben und freue mich sehr über diesen Eintrag. Außerdem bin ich schon auf die Interviews mit anderen GeisteswissenschaftlerInnen gespannt.

    Liebe Grüße,
    Eva

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    1. Silke (Beitrag Autor)

      Dankeschön für das nette Feedback, Eva. Ja, bitte lass dich nicht entmutigen. Es gibt einen Weg genau für dich, den du nicht planen kannst und der passiert, wenn es so weit ist. Bis du ihn gefunden hast: durchhalten!
      Am Dienstag gibt’s die nächste Interview-Inspiration 😉
      Alles Liebe!

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