Wissen teilen – APE2015

Zum ersten Mal lag kein Schnee in Berlin, als ich in dieser Woche meine dritte Konferenz zum Akademischen Publizieren in Europa, oder kurz: APE, besuchte. Wie schon auf der Frankfurter Buchmesse empfand ich es in meiner neuen beruflichen Rolle als Befreiung, dass ich mir nur noch theoretische Gedanken über Alternativen zu Open Access und all den Herausforderungen traditioneller Verlage machen musste.

Wissen lizensieren

CC-BY myts

Aus dem Vortrag von Robert Kiley, Wellcome Trust. Foto von Dietrich Rordorf.

Trotzdem finde ich es natürlich sehr interessant, womit die traditionelle Buchbranche sich noch quält. Mit den Lizenzen, zum Beispiel. Einer der vielen Vorteile von Open Access (also dem freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen) ist, dass die Artikel meist unter einer CC-Lizenz (üblicherweise CC-BY) veröffentlicht werden. Leider sehen einige traditionelle Verlage, die auch Open Access anbieten, darin ein Problem und wollen neue Lizenzmodelle entwickeln. Neben all der inhaltlichen und fachlichen Argumenten, die für CC-BY sprechen und die von Robert Killey von der Wellcome Trust so schön dargelegt wurden, finde ich dieses Bemühen überflüssig und sehr schade: Mit neuen Lizenzen wird es unübersichtlich, unnötig kompliziert und bürokratisch. Aber warum einfach, wenn man ein Problem, das gelöst schien, einfach wieder hervorholen kann?

Wissen finden

Aber zum Glück gibt es ja auch noch ungelöste Herausforderungen: Wie man all die Informationen, die im Netz rumliegen, vernünftig erschließt und dadurch nutzbar macht, zum Beispiel. Dazu braucht man quasi Meta-Daten deluxe. Die Möglichkeiten der semantischen Verknüpfung und die dadurch entstehende Vernetzung von Informationen wurde uns von Phil Archer von W3C eindrucksvoll vor Augen geführt. Auch Alexander Wade von Microsoft zeigte, die (von mir) ungeahnten Möglichkeiten, die Microsoft mit Verknüpfung von Informationen und neuen Funktionalitäten bekannter Programme ab sofort zu bieten hat. Schöne neue Wissenswelt.

Wissen erschließen

Sehr spannend waren wieder die Präsentationen von Start-Ups und neuen Projekten:

foreciteForeCite, zum Beispiel, hilft Wissenschaftlern, passende Quellenangaben für ihre Publikationen zu finden. Der Service basiert auf einem Algorithmus, der beim Datenbankabgleich auch den Kontext der vorgeschlagenen Zitaten in Betracht zieht. Ein echter Zeitgewinn für Wissenschaftler – auch wenn ich mich frage, ob die Recherche und Lektüre ganzer Publikationen in vielen Disziplinen nicht ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen Leistung ist.

incend.pngEine gute Idee verfolgt auch Incend, das dazu beitragen will, Forschung besser kommunizierbar zu machen. Incend bietet Wissenschaftlern die Möglichkeit, ihre Themen und Ergebnisse anschaulich darzustellen, Zusatzmaterial bereitzustellen und die Berichte über ihre Arbeit zu sammeln. Abstrakte Forschung kann so als Wissen in die Gesellschaft zurückfließen.

kudosDer Optimierung der Reichweite von Wissenschaft widmet sich auch KUDOS. Das junge Unternehmen wurde bereits im letzten Jahr auf der APE vorgestellt und konnte nun von ersten Erfolgen berichten. KUDOS unterstützt Autoren und Verlage bei der Verbreitung der eigenen Ergebnisse und bietet Übersichten über den Erfolg einer Kampagne.

Wissen publizieren

Ein Highlight sind für mich auch immer wieder die Praxis-Berichte aus der Wissenschaft. Georg Feulner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erzählte beispielsweise von den Schwierigkeiten der Reproduzierbarkeit von publizierter Forschung in der Geowissenschaft. Erkenntnis: Die Erde lässt sich nicht im Labor untersuchen und ein Vergleichsobjekt gibt es nicht.

Eine Lösung – zumindest für die Reproduzierbarkeit von Forschung im Labor – könnte JoVE, ein Journal für visualisierte Experimente, bieten, in dem man die Videodokumentation von Versuchen veröffentlichen kann. Ein genialer wie logischer Ansatz.

Das bringt uns direkt zum nächsten großen Thema: Veröffentlichung von Forschungsdaten, also den uninterpretierten Rohdaten sozusagen. Daran mangelt es nämlich noch, u.a., weil die Infrastruktur fehlt und viele Wissenschaftler nicht motiviert sind, ihre Daten zu teilen. Forscher wünschen sich aber auch, dass zukünftig mehr negative Ergebnisse publiziert werden, denn auch diese bringen die Forschung voran. Stellen wir uns diesen publizistischen Herausforderung!

Wissen, warum

Bibliothekare, Wissenschaftler, Mitarbeiter der „Big Five“ und mittelständiger Wissenschaftsverlage, internationale Forschungsförderer, amerikanische Universitätsverlage, Vertreter aus der europäischen Politik, internationale Dienstleister, Journalisten: Die Teilnehmer der diesjährigen APE waren wieder so bunt gemischt wie das Programm. Und nicht nur in den Kaffeepausen wurde deutlich, dass sie alle etwas zum Tagungsthema beizusteuern hatten.

Den Twitter-Stream dominierten eindeutig die weiblichen Teilnehmer. Auf dem Podium waren Frauen allerdings wieder einmal erschreckend selten vertreten – ein Zustand, den es zu optimieren gilt. Mein erfolgreichster #APE2015-Tweet bezieht sich ausgerechnet auf den Beitrag von Celina Ramjoué, die erläuterte, wie sich die Europäischen Kommission das mit dieser offenen Wissenschaft vorstellt. Ein Vision, an der es sich zu arbeiten lohnt.

Die APE war auch im zehnten Jahr ein Erfolgsformat für die Branche. Ich liebe den Blick über den eigenen Tellerrand, den Austausch auf hohem fachlichen Niveau und die neuen Ideen, die die Branche beflügeln könnten. Die Konferenz war wieder ein sehr guter Auftakt in ein hoffentlich interessantes neues Publishing-Jahr. Ich bin gespannt, welche Fortschritte wir bis zur APE 2016 gemacht haben werden.

2 Kommentare

  1. mamulo

    Vielen Dank für die sehr informativen Einblicke in die „schöne neue Wissenswelt“. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie weit wir „traditionellen“ Wissenschaftsverlage noch von dem, was alles möglich zu sein scheint, entfernt sind. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die (Geistes)wissenschaften selbst nicht noch entfernterer sind. Die Zeit ist überfällig, den Abstand so weit zu verkürzen, dass wir wenigstens verstehen, was möglich sein könnte.

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  2. Pingback: APE 2015: Auf dem Weg zu Open Science – Silke Hartmann

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