Handschriftliche Briefe mit drei alten Portraitfotos

Feldpost: Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe

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Mein Opa hatte zwei Schwestern, bei denen ich in meiner Kindheit wunderbare Ferienwochen verbracht habe und meine ersten Erfahrungen in der weiten Welt sammeln konnte. Mein Opa hatte aber auch noch einen großen Bruder, den ich nie kennengelernt habe: Mein Großonkel Willy starb am 31. Dezember 1942 an der Front in Russland.

Sein ganzes weiteres Leben lang hat mein Opa seinen großen Bruder schmerzlich vermisst. In allen vier Wohnungen meiner Großeltern, die ich kannte, hing hinter der Tür des Schlafzimmers ein Foto von Willy. Er trug darauf eine Uniform, hatte bezaubernde Segelohren und trug den Scheitel genau andersherum als mein Opa. Oft stand ich als Kind vor diesem Bild. Mir war klar, dass er ein toller großer Bruder gewesen sein musste, weil mein Opa ihn so mochte, und ich fand es traurig, dass ich ihn nicht kennengelernt hatte. Auch habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, mir einen Scheitel zu kämmen, zu meiner Oma in die Küche zu gehen und zu fragen: „Wer von beiden bin ich?“.

Willy war der Älteste von vier Kindern und somit der Erbe des elterlichen Hofes. Er war verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, die er nicht mehr kennenlernen durfte, bevor er im Krieg starb. Viel mehr wusste ich, das Geschichtenmädchen der Familie, erstaunlicher Weise nicht von ihm. Bis mir in den Weihnachtstagen 2016 ein Umschlag in die Hände fiel, den ich bei der Wohnungsauflösung meiner Großeltern in Verwahrung genommen hatte: die Feldpost von Willy an meinen Opa. Briefe und Postkarten, die mir eine Geschichte von Krieg, Trennungsschmerz und Liebe erzählen und in denen sich mein Onkel Willy in und zwischen den Zeilen finden lässt.

Er scheint kein Mann großer Worte gewesen zu sein – zumindest nicht gegenüber seinem jüngeren Bruder. Oder wollte er ihn nur schützen? In fast allen Nachrichten steht in ordentlicher, gut lesbarer Handschrift der Satz: „Wie du schreibst, geht es dir gut, welches ich von mir Gott sei Dank auch noch berichten kann.“ Willy erzählt wenig, stellt meinem Opa lieber viele Fragen nach „Diesem und Jenem“, bestellt Grüße und bittet um Nachrichten aus der Heimat. Er bittet auch um eine Taschenlampe mit Batterie, um Schuhkrem und eine Bürste. Mehrmals erwähnt Willy Geld, das er an seinen kleinen Bruder geschickt habe, weil er es an der Front nicht ausgeben könne und für das mein Opa und seine Schwestern doch bestimmt viel bessere Verwendung hätten.

Auffällig ist, dass Willy jeden Brief und jedes Päckchen, die er erhält, noch am selben Tag beantwortet und sei seine Antwort auch noch so kurz. Er wird gewusst haben, warum. Trotz Zensur schreibt er mehrmals von seiner Hoffnung, dass „der ganze Zauber“ bald vorbei sei – oder darauf, dass er zumindest Urlaub von der Front bekäme, um bald mal wieder in die Heimat zu kommen und seine Familie zu sehen.

Einmal wird er ungewöhnlich deutlich: Mein Opa habe ihm geschrieben, dass er darüber nachdenke, sich freiwillig zum Kriegseinsatz zu melden. Da hätte er als großer Bruder ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden! Mehr als diesen einen Satz braucht es nicht, um den kleinen Bruder in der Heimat von dieser wahnsinnigen Idee abzubringen. Und um ihm somit, wie mein Opa mir später erzählte, das Leben zu retten.

Spätestens ab Mitte 1942 ändern sich Willys Nachrichten. Zwar berichtet er noch knapp vom Vormarsch, aber die Hoffnung auf Heimaturlaub hat er aufgeben. Deutlich benennt er „das Morden“ des Krieges beim Namen. In einem seiner letzten Briefe an meinen Opa schreibt er, dass Gott ihn in den letzten Jahren vor so vielem bewahrt habe und dass er darauf vertraue, dass Gott ihn auch weiterhin bewahre. Dieses unerschütterliche Gottvertrauen trug auch mein Opa sein Leben lang in sich und gab es an uns weiter.

Der lange Brief meiner Uroma vom zweiten Weihnachtstag 1942 findet sich ebenfalls in dem Stapel. Ihr Sohn Willy hat ihn nicht mehr erhalten. Er wurde am 28. Dezember verwundet und verstarb an Silvester 1942 so unendlich fern von seiner Familie.

Dieser verdammte, sinnlose Scheißkrieg hat viel zu viele Leben gefordert. Er hat auch ein Loch in meine Familie gerissen, meinen Opa gezwungen, ein ganz anderes Leben zu führen, als das, was für ihn geplant war – und ein Leben ohne seinen großen Bruder. Und mir hat größenwahnsinniges, menschenverachtendes Machtstreben die Chance genommen, meinen Großonkel zu treffen.

Aber seine Briefe haben eine Brücke über die Jahrzehnte gebaut und über die Welten, die zwischen mir und Willy und auch zwischen mir und meiner Uroma liegen. Auch wenn wir uns nie getroffen haben, sind wir verbunden. Nicht durch unsere Gene, denn die sind nicht die wirkliche Basis einer Familie. Uns verbindet Liebe, die wir von einer Generation an die folgende weitergeben. Sie ist unser wertvollstes Erbe.