Hinsehen und die Welt wird größer

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In der zweiten Maihälfte hatte ich viel Zeit zum Draußensein und Herumspazieren. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich meine Wanderungen verändert haben. Statt wie früher 20, 25, 30 Kilometer zu gehen, um von A über B und C zurück nach A zu gelangen und dabei die Aussicht zu genießen, bleibe ich jetzt öfter stehen und sitzen, um zu schauen und zu hören. Dabei kommen dann eher fünf bis zehn Kilometerchen zusammen und das ist völlig okay.

Ich habe mich verändert. Oder besser: Mein Blick hat sich verändert. Die Welt um mich herum hat Namen bekommen. Es fing damit an, dass ich über viele Jahre hinweg gelernt habe, Vögel wahrzunehmen, sie zu sehen und zu hören. Und diese Vögel sind inzwischen nicht mehr nur „Vögel“, sondern es sind Kohlmeisen, Singdrosseln, Buchfinken, Zilpzalps, Saatgänse und Stieglitze geworden. Natürlich fliegen auch noch immer ein paar grün-graue Braunlinge herum, die mir unbekannt wieder entfleuchen – oder die ich zuhause mithilfe eines verschwommenen Fotos und schlauen Büchern benennen kann und die meine Wahrnehmung wieder weiten.

Vögel haben mich gelehrt hinzuschauen. Und im letzten Jahr fing das Grün um mich herum plötzlich an, auch Namen zu haben. Es ist nicht einfach nur Wiese, Gestrüpp oder irgend so eine Pflanze mit Blüten und Knubbeln dran, sondern ich sehe Knoblauchsrauke, Bärlauch, Spitzwegerich, Giersch und die essbaren Samen an den Brennnesseln.

Und da ich einmal angefangen habe zu sehen, sehe ich immer mehr. Schwarze Fliegwiecher heißen plötzlich Märzfliegen und begleiteten mich bis in den Mai. Schmetterlinge, Käfer, Raupen, Spinnen, rosa Blüten und grüne Beeren tanzen durch meine Welt, bekommen nach für nach auch einen Namen und werden Bekannte.

Ich merke deutlich, wie ich das, was schon einen Namen hat, besonders wahrnehme, unterscheide, benenne, kenne und bei meinen Spaziergängen wiederbegrüße. Ich staune, all das, was jetzt plötzlich sichtbar ist, vorher nicht wahrgenommen zu haben. Es ist verblüffend, wie sich die Welt mit dem wenigen Wissen, das ich habe, bereits vor mir öffnet. Welch ein Universum muss dort draußen noch verborgen sein, für das meine Augen noch immer verschlossen sind! Ich freue mich darauf, es zu entdecken.