Geisteswissenschaften: Und was wird man damit? Verlagsredakteur, zum Beispiel

Nietzsche Faksimile KGW IX 1 3 N VII 1 Probe 1bis 4, gemeinfrei. Collage von Silke Hartmann

In der Interview-Reihe „Und was wird man damit?“ erzählen jeden Dienstag GeisteswissenschaftlerInnen, die im Beruf stehen, aus ihrem Arbeitsalltag und was ihnen das Studium tatsächlich gebracht hat. Heute: Kai Pätzke, Verlagsredakteur.

Nach einer ersten Karriere in der IT wechselte Kai Pätzke (37) auf die helle Seite der Macht und studierte Philosophie, Literaturwissenschaften und Linguistik. Danach landete er bei einem mittelständischen Wissenschaftsverlag, wo er die Publikationen im Bereich Geschichte, Philosophie und Altertumswissenschaften betreut. Im Moment befindet er sich allerdings in Syrakus auf Sizilien, wo er nicht mit Platon über dessen nächsten Bestseller spricht, sondern Urlaub macht.

Also, Kai, wie bist du zu dem Job gekommen, der zuhause auf dich wartet?
Über Beziehungen und eine gute Portion Glück. Während meines Studiums habe ich als Online-Redakteur und Web-Entwickler bei den geschichtswissenschaftlichen Internet-Portalen Clio-online und H-Soz-u-Kult gearbeitet.

Viele unserer externen Redakteure waren Autoren bei Verlagen mit einem geschichtswissenschaftlichem Programm. Einer von ihnen gab mir den Tipp, dass eine Redakteursstelle in seinem Verlag frei wird. Darauf habe ich mich beworben und wurde zunächst als Volontär eingestellt. Nach anderthalb Jahren wurde ich als Redakteur unbefristet übernommen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Einen richtigen Arbeitsalltag gibt es nicht. Ich betreue manchmal bis zu 20 Buchprojekte gleichzeitig, die jeweils in einem anderen Produktionsstadium sind. Dementsprechend fallen natürlich unterschiedliche Aufgaben an. Außerdem habe ich es mit jeweils anderen Menschen und damit anderen Voraussetzungen und Erwartungshaltungen zu tun. Auch wenn es bei der Anzahl an Titeln standardisierte Abläufe geben muss, ist es doch mein Anspruch jeden Autor individuell zu betreuen.

Für einige ist es bereits das fünfte oder sechste Buch, für andere das erste. Bei erfahrenen Autoren geht es eher darum, einen bestimmten Zeitplan einzuhalten oder, wenn sie vorher in einem anderen Verlag publiziert haben, sie von unserer Sicht- und Arbeitsweise bei der Gestaltung von Inhalten zu überzeugen. Gerade die Gestaltung des Covers ist oftmals eine heikle Angelegenheit. Hier gilt es die Vorstellungen des Autors und des Verlages zusammenzubringen, ohne dass dabei am Ende ein schlechter Kompromiss steht. Bei neuen Autoren muss man dagegen viele grundsätzliche Dinge über die Buchproduktion erklären.

Dennoch kann ich einige Kernaufgaben benennen: Dazu gehören natürlich die Arbeit am Manuskript, aber auch das Managen von all den Prozessen, die während einer Buchproduktion anfallen. Das fängt bei der Vertragsschließung an, geht über die Erstellung der Werbetexte und die Coverproduktion, dem Satz bis zur Drucklegung und darüber hinaus der Begleitung von Buchpräsentationen. Außerdem werde ich von unserer Programmleitung oft in die Programmarbeit und die Akquise von neuen Titeln mit einbezogen.

All die Schritte der Buchproduktion mache ich als Redakteur nicht alleine: Ein Buch entsteht durch Teamarbeit mit den Kollegen im Lektorat, aus der Herstellung und dem Marketing. Dabei kommuniziere ich oftmals mehr, als mir Zeit für die eigentliche Arbeit am Manuskript bleibt. Aber in der Redaktion laufen alle Fäden zusammen und man muss diese so führen, dass die Bücher möglichst termingerecht erscheinen und der Autor am Ende so zufrieden ist, dass er sein nächstes Buch wieder bei uns veröffentlichen möchte.

Was sind die Highlights deines Jobs?
Autoren, die sich bei mir für die gute Betreuung bedanken, sind für mich das absolute Highlight. Überhaupt sind die Projekte die schönsten, bei denen ich merke, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird und ich das Gefühl habe, dass die Qualität der Veröffentlichung durch die gemeinsame Arbeit mit den Kollegen und dem Autor noch einmal gesteigert werden konnte.

Was hast du im Studium gelernt, was dir heute noch hilft?
Da fällt mir als erstes der Ausspruch von Sokrates ein: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – das heißt, die Einstellung zu haben, Aussagen, Thesen und festgefügte Meinungen zu hinterfragen, um sich jederzeit seine eigene Meinung bilden zu können. Übertragen in meine Arbeitswelt bedeutet das: festgefügte Arbeitsabläufe und Ansichten über das Programm oder den Buchmarkt zu hinterfragen, aber auch mich selbst und meine eigene Arbeit jederzeit zu hinterfragen und möglichst zu verbessern.

Außerdem habe ich gelernt, strukturiert zu arbeiten und vorausdenkend zu planen. Ich musste mein Studium, da es mein Zweitstudium war, mit meinem damaligen Job so organisieren, dass ich es möglichst in der Regelstudienzeit abschließen konnte.

Und nicht zu vergessen, die eigentlichen Inhalte meines Studiums: Es hilft, wenn man die Debatten der jeweiligen geisteswissenschaftlichen Fächer nachvollziehen kann. Viele Autoren schätzen es zudem sehr, wenn ich mit ihnen über Inhalte reden kann. Vor allem bei den Lehrbüchern, die ich lektoriere, muss ich den Autoren erklären können, warum ich diese oder jene inhaltlichen Schwerpunkte anders setzen würde, warum ich den Text kürzen oder wo ich warum etwas hinzufügen möchte.

Welche Fähigkeiten und Kenntnisse findest du für deine Arbeit besonders wichtig?
Organisationstalent, pragmatisch zu sein, das heißt, vor allem schnell Entscheidungen treffen zu können, inhaltliche Kompetenz, Teamfähigkeit und natürlich Computerkenntnisse. Ich möchte diese Fähigkeiten eigentlich gar nicht gewichten, alles ist für mich gleich wichtig.

Das Medium über das sich Verlage seit Ihrer Gründung definiert haben, das Buch, steht zur Disposition. Auf jeder Tagung und auf jeder Messe merke ich, dass ich in einer sich immer schneller verändernden Branche arbeite. Wenn ich da nicht offen für Neues bin und mir meine Neugier und meinen Lernwillen bewahre, werde ich ziemlich schnell abgehängt.

Wenn du zurückblickst auf die Anfänge deines Berufslebens, welchen Tipp würdest du dir selbst geben?
Vertraue deinen eigenen Wünschen, denn sie drücken meist das aus, was du auch am besten kannst. Arbeite geduldig und beharrlich darauf hin, diese zu erfüllen.

Vielen Dank für diesen Einblick in deinen Redaktionsalltag, Kai, und weiterhin einen schönen Urlaub.

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